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Warum Falter ans Licht fliegen (Teil 2)

(Fortsetzung und Schluß)

Über die Entfernungen, aus denen eine Lichtquelle für Falter anziehend zu wirken beginnt, bestand lange Unklarheit. Als reine Schätzwerte wurden Entfernungen um 50 m (Daniel 1952, Weber 1984) oder sogar bis 1000 m (Koch 1958) genannt. In Versuchen mit Heliothis zea und Manduca sexta in Tunnelkäfigen, die sich in unterschiedlichen Entfernungen von einer 15-W-Schwarzlichtröhre befanden, wurde die Anziehung des Lichts daran gemessen, wieviele Falter zur der Lampe zugewandten Seite des Käfigs wanderten. In 6,1 m Entfernung von der Lampe reagierten 75 % der Heliothis zea positiv, in 69 m Entfernung noch 10 %; durch Extrapolierung wurde die Grenze der Attraktivität bei 60-90 m Entfernung bestimmt. Bei Manduca sexta reagierten in 4,6 m Entfernung von der Lampe 48 % der Falter positiv; die untere Grenze der Attraktivität lag zwischen 120 und 135 m Entfernung (Stewart, Lam & Blythe 1969). Bei ähnlicher Versuchsanordnung und gleichem Lampentyp ergab sich mit Spodoptera littoralis, daß die Attraktivität bei 200 bis 250 m Entfernung von der Lichtquelle aufhörte (Plaut 1971) (Wetter und andere Umwelteinflüsse wurden bei diesen Versuchen nicht berücksichtigt). Agee (1972) kam in einer Elektroretinogrammstudie über die Augen von Heliothis zea und Heliothis virescens zu dem Ergebnis, daß das Licht einer 15-W-Schwarzlichtröhre aus Entfernungen zwischen 31 und 250 m einen Reiz auslösen könnte. Bowden & Church (1973) definierten den Einzugsbereich einer Lichtquelle als die Entfernung, innerhalb derer die Helligkeit der Lichtquelle größer ist als die natürliche Hintergrundhelligkeit. Auf dieser Basis und unter der Annahme, daß Insekten auf Wellenlängen von 500-600 nm reagieren, errechneten Bowden & Morris (1975) für eine 125-W-Quecksilberdampflampe Einzugsbereiche zwischen 35 m (bei Vollmond) und 520 m (ohne Mondlicht). Auf ähnlicher Grundlage und für einen anderen Typ einer 125-W-Quecksilberdampflampe kam Dufay (1964) zu Werten zwischen 50 m und 700 m, und Nowinszky, Szabó, Tóth, Ekk & Kiss (1979) berechneten für eine 100-W-Argon-Glühbirne Einzugsbereiche zwischen 20 m (bei Vollmond) und 300 m (bei Neumond). Baker & Sadovy (1978) ließen markierte Falter im Mittelpunkt eines von vier 125-W-Quecksilberdampflampen gebildeten Quadrats frei und variierten die Seitenlänge des Quadrats, wobei sich ergab, daß die effektive Anlockentfernung bei 60 cm Lampenhöhe nur ca. 3 m betrug, sich aber auf 10-17 m erhöhte, wenn die Lichtquelle in 9 m Höhe angebracht wurde . Allerdings muß einschränkend bemerkt werden, daß die Autoren keine Angaben über Wetter und Mond sowie über den möglichen Einfluß der Markierung auf das Verhalten der Falter machten.

Für die Faunistik wie für die angewandte Entomologie und für die entomologische Systematik ist der Lichtfang von überragender Bedeutung (Haeger 1957, Jermy 1974, Lödl 1987, Malicky 1965, Varga & Uherkovich 1984). Keine andere Methode erlaubt es, in verhältnismäßig kurzer Zeit eine so große Arten- und Individuenzahl nachzuweisen. Der Lichtfang entwickelte sich daher im 20. Jahrhundert in Mitteleuropa zu der Arbeitsmethode des Nachtfalterfaunisten. Anfangs mit Petroleum- oder Karbidlampen, später mit Glühbirnen oder Quarzlampen, heute netzunabhängig mit batteriebetriebenen Kleinanlagen (superaktinische oder Schwarzlicht-Leuchtstoffröhren) und netz- oder aggregatbetriebenen Mischlicht-, Schwarzlicht- oder Quecksilberdampflampen erlaubt diese Methode ein Maximum an Effektivität, was viele Lepidopterologen vergessen läßt, daß die ökologische Aussagekraft von Lichtfangergebnissen relativ begrenzt ist. Dies ist umso bedeutsamer, weil Lichtfang heute gerade für ökologische (sogenannte "landschaftsökologische") Untersuchungen (Auftragsgutachten) gerne eingesetzt wird, wobei oft die Nachteile der Methode nicht genügend berücksichtigt werden. Durch Lichtfang kann man nie das tatsächlich in einem Untersuchungsgebiet vorhandene Artenspektrum und wohl auch nie die tatsächlichen Abundanzen der Nachtfalterfauna eines Gebiets erfassen, da die einzelnen Arten sowie die Geschlechter innerhalb der einzelnen Arten in unterschiedlichem Maß auf Licht im allgemeinen und auf verschiedene Lampentypen im besonderen reagieren. Deshalb sind Lichtfanguntersuchungen nur dann absolut vergleichbar, wenn mit demselben Lampentyp und derselben Fallenkonstruktion gearbeitet wurde. Der schwerste Einwand gegen den Lichtfang in ökologischen Untersuchungen liegt aber darin begründet, daß es sich um eine Anlockmethode handelt, die es grundsätzlich nicht erlaubt, das Herkunftshabitat eines angelockten Falters zu bestimmen. Fast immer wird in solchen Arbeiten aufgrund von Literaturangaben versucht, die registrierten Arten einem in der Umgebung existierenden Biotop zuzuweisen. Diese Methode muß jedoch dann fragwürdig und in ihren Ergebnissen unzuverlässig bleiben, wenn ihr nur sehr allgemeine Literatur zugrundegelegt wird (zum Beispiel die ökologisch wenig aussagefähigen und in ihren Nahrungspflanzenangaben oft auf Gefangenschaftsbeobachtungen gestützten Bestimmungsbücher von Koch, 1984, oder Forster & Wohlfahrt, 1954-1981). Zusätzliche, direkte Beobachtungsmethoden wie die Raupensuche sind für derartige Untersuchungen dringend anzuraten. Ein ausführlicher Überblick über die praktische Eignung und die Problematik des Lichtfangs für ökologische Untersuchungen vom Standpunkt des Auftragnehmers aus findet sich bei Meier (1992).

Für die faunistische Arbeit sollten natürlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, nicht nur der Fang an eigenen Leuchtanlagen. An Straßenlaternen (bei denen es sich ja häufig um Mischlicht- oder Quecksilberdampflampen handelt), an der Außenbeleuchtung von Häusern, Fabrikgebäuden, Hotels, Gaststätten, Autobahnraststätten, Telefonzellen, Sportheimen und Schützenhäusern oder an nachts angestrahlten historischen Bauten, besonders in Ortsrandlage oder außerhalb von Ortschaften, läßt sich manchmal interessanter Nachtfalteranflug beobachten. Wer die Möglichkeit dazu hat, sollte es sich zum Grundsatz machen, solche Stellen regelmäßig zu kontrollieren, sei es bei Abendspaziergängen oder am frühen Morgen oder auch auf der Rückkehr von einer Leuchtexkursion. Besonders im Spätherbst, Winter und Vorfrühling, wenn man weniger geneigt ist, einen ganzen Abend im Gelände zu verbringen, sind nächtliche Stichproben an günstig gelegenen Straßen- und Hausbeleuchtungen oft eine interessante Alternative. Darüber hinaus sollte man im Interesse des faunistischen Durchforschungsstands besonders in weniger gut erforschten Gebieten jede Gelegenheit nutzen, öffentlich zugängliche Lichtquellen nach angeflogenen Faltern zu kontrollieren. Selbst bei Tag können einzelne sitzengebliebene Falter oder die von den Fledermäusen übriggelassenen Flügelreste aufgesammelt werden.

(Die Literaturliste habe ich weggelassen; dieser Beitrag ist ohnehin lang genug. Glückwunsch an alle, die bis hierhin gelesen haben.) ;-)

Beiträge zu diesem Thema

Lichtquellen
Warum Falter ans Licht fliegen (Vorsicht: lang!)
Warum Falter ans Licht fliegen (Teil 2)
Re: Warum Falter ans Licht fliegen (Teil 2)
Re: Lichtquellen
Was? Wirklich?