Polyommatus coridon
Lepiforum: Bestimmung
von Schmetterlingen
(Lepidoptera)
und ihren
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Re: Begriffsdefinitionen
Antwort auf: Re: Begriffsdefinitionen ()

Hallo Jürgen,

erst zwei kleine Korrekturen (farbig), die mir gleich auffielen:

Neotypus: Wenn nachweislich (und der Code legt hierbei und an die anderen Bedingungen sehr scharfe Maßstäbe an, die unbedingt einzuhalten sind, wenn ein Neotypus valide sein soll; folgende Klammer entfernen:(diese Details werden hier nicht angeführt, man lese im Zweifelsfall den einschlägigen Artikel 75 des Codes nach!) die namenstragenden Typen (= Holotypus, Syntypen, Lectotypus) verschwunden sind und es im Sinne der Stabilität der Nomenklatur notwendig ist, dies zu tun (und einige weitere Bedingungen erfüllt sind), dann kann man Bitte als Gedankenstrich immer den langen „m-Strich“ (= [alt]+0151) verwenden! - nur im Rahmen einer (Teil-)Revision! - einen namenstragenden Neotypus festlegen.

Weiteres trage ich nach, falls mir noch was auffällt. Sonst bin ich mit redaktioneller Bearbeitung einverstanden, danke. — Was mir aber gar nicht gefällt, sind das „muss“ ohne ß und andere Auswüchse der neuen deutschen Schläächtschreibung ... ;)

> vielen herzlichen Dank für die Mühe, die Du
> Dir gemacht hast! Nach einiger Überlegung
> habe ich mich entschieden, Deine Texte nicht
> alphabetisch ins Glossar einzustreuen, was
> den Zusammenhang zerreißen und das
> Verständnis erheblich erschweren würde,
> sondern eine Spezialseite zum Glossar
> hinzuzufügen:
> http://www.lepiforum.de/cgi-bin/lepiwiki.pl?Glossar_Typen
> Ich hoffe, die Redaktion hat nichts
> verschlimmbessert ;)

> Ein wichtiger Begriff fehlt noch im Glossar:
> Revision. Ich habe leider nur eine
> ungefähre Vorstellung, was dies bedeutet.

  • Revision: Eine Revision im taxonomischen Sinne ist eine [Neu- oder Wieder-]Bearbeitung einer taxonomisch abgegrenzten (möglichst monophyletischen) Teilgruppe (Artengruppe, Untergattung, Gattung, Tribus, Familie, ...), um die Identität aller beteiligten Arten festzustellen beziehungsweise festzulegen, nötigenfalls einen Bestimmungsschlüssel (bei Lepidoptera eher komplette Abbildungen von möglichst allen Imagines [beide Geschlechter?] möglichst in Farbe, Genitalmorphologie beider Geschlechter und Larvalmorphologie) zu liefern, die Zoogeografie abzuklären, ökologische Fakten zusammenzustellen, möglichst auch DNA-Daten zu liefern und möglichst auch einen plausiblen, phylogenetisch begründbaren Systementwurf für diese Teilgruppe vorzuschlagen. Dazu müssen alle Urbeschreibungen überprüft werden, möglichst (soweit mit einigem Aufwand nachweisbar) alle primären Typen in der Gruppe gesichtet und (falls möglich) auch genitalisiert werden und möglichst viel Material in privaten und Museumssammlungen gesichtet und untersucht werden. Ziel ist es, möglichst die gesamte aktuelle Kenntnis über die Gruppe zusammenzutragen, auszuwerten und zu interpretieren; oft finden im Rahmen einer Revision auch (manchmal umfangreiche) Neubeschreibungen statt. Eine Revision wird dann meist als mehr oder weniger große Monografie publiziert und ist dann (bis zur nächsten Revision der gleichen oder zumindest teilweise übereinstimmenden Teilgruppe) die Grundlage zur Artbestimmung in dieser Teilgruppe. Je gründlicher und korrekter eine solche Revision gemacht wird, desto besser ist sie als Basis für zukünftige Arbeiten mit der betreffenden Gruppe geeignet.

  • Phylogenie/phylogenetisch: Phylogenie ist die Wissenschaft, die sich mit der natürlichen Verwandtschaft der Arten beschäftigt (wörtlich „Stammesgeschichte“). Ziel phylogenetischer Forschung ist es, einen auf möglichst vielen Fakten beruhenden, möglichst widerspruchsfreien und in sich schlüssigen Stammbaumentwurf (= eine plausible Hypothese über die Verwandtschaftsbeziehungen) einer monophyletischen Tiergruppe zu erhalten. Nicht morphologische Ähnlichkeiten oder Symplesiomorphien, sondern nur gemeinsame abgeleitete Merkmale (Synapomorphien) dürfen zur Begründung eines phylogenetischen Stammbaumentwurfs herangezogen werden. — Der Gegensatz zu phylogenetischer Systematik ist typologische Systematik; dabei werden Gruppen nur nach der Entscheidung „Merkmal x vorhanden/nicht vorhanden“ gebildet, also nur nach äußerlicher Ähnlichkeit, ohne Interpretation der realen Verwandtschaft. Da keiner die Evolution der rezenten (= heute lebenden) Arten in den letzten Jahrmilliarden verfolgt und aufgezeichnet hat, sind natürlich frühe Stammbaumentwürfe immer typologisch gewesen, und es muß unser Bestreben sein, durch Berücksichtigung und Interpretation möglichst vieler Merkmale den realen Verwandtschaftsverhältnissen nach und nach immer näher zu kommen.

  • Mono-/poly-/paraphyletisch: Monophyletisch ist eine Gruppe dann, wenn alle rezenten (= heute noch lebenden) Nachkommen einer gemeinsamen Stammart in derselben nomenklatorisch-systematischen Einheit geführt werden; kein Nachkomme darf fehlen, keine Art darf eingeschlossen werden, die nicht aus derselben direkten Abstammungslinie stammt. (Beispiel: etwa die Überfamilie Noctuoidea dürfte ziemlich sicher eine über das einzigartige thorakale Tympanalorgan definierte monophyletische Gruppe sein, auch wenn man innerhalb dieser Gruppe dann noch Probleme hat, die Untergruppen sauber phylogenetisch begründet einzuordnen.) — Polyphyletisch ist eine Gruppe dann, wenn aus mehreren Abstammungslinien untereinander nicht näher verwandte Arten (aber eben nicht alle, sondern nur einige!) aufgrund äußerlicher Ähnlichkeiten (durch Konvergenz oder Plesiomorphie) in eine gemeinsame, dann nicht natürliche, sondern künstliche, Gruppe zusammengefaßt werden. (Beispiel: die früher von Linnaeus und anderen eingeführte und benutzte Gruppe der „Vermes [Würmer]“ war eine „Kraut-und-Rüben-Mischung“ aus mehreren völlig verschieden im System stehenden Tiergruppen, die sich alle nur durch eine längliche Körperform ohne Rückgrat und ohne Beine auszeichnete.) — Paraphyletisch ist eine Gruppe dann, wenn aus einer größeren Gruppe mehrere jeweils für sich monophyletische Teilgruppen abgespalten wurden und der verbleibende Rest dann in Ermangelung weiterer sichtbarer Merkmale in einem Topf zusammenbleiben. (Beispiel: Die klassischen „Reptilien“ [also mit Schildkröten, Krokodilen und so weiter, aber ohne Vögel und Säugetiere!] waren eine solche paraphyletische Restgruppe.)

  • [Sym-]Plesiomorphie/[Aut-/Syn-]Apomorphie: Plesiomorphien sind evolutiv alte Merkmale, die von einem weit zurückliegenden Vorfahren übernommen wurden und deswegen nicht nur in der betrachteten Gruppe, sondern auch in anderen, außenstehenden Gruppen vorkommen. Autapomorphien sind neu „erfundene“ Merkmale einer einzelnen Art; Synapomorphien sind Merkmale, die in der Evolution von einer Art „erfunden“ wurden und bei allen heute noch lebenden Nachkommensarten dieser Stammart vorkommen. Nur Synapomorphien dürfen in der phylogenetischen Systematik zur Begründung von monophyletischen Taxa benutzt werden. Verwendet man andere, plesiomorphe Merkmale, werden die resultierenden Gruppen automatisch para- oder gar polyphyletisch. Bedauerlicherweise kommt es natürlich in der Evolution oft vor, daß Merkmale auch wieder reduziert (abgebaut) oder in oft überraschender Weise verändert/weiterentwickelt werden; das macht die Interpretation, was plesiomorph und was apomorph ist, in der realen Systematik leider immer so schwer ... :D — Die Begriffe sind relativ und jeweils von der betrachteten Hierarchiegruppe abhängig: Ein Merkmal wird in der Evolution zuerst als eine [Aut-]Apomorphie von einer einzelnen Art „erfunden“; die Nachkommensarten dieser Art haben das Merkmal im Außenvergleich gemeinsam als Synapomorphie; wenn es später sehr viele Nachkommensarten sind, die aufgrund anderer Merkmale in weitere Untereinheiten untergliedert werden, tragen diese Untereinheiten das ursprüngliche Merkmal als gemeinsame Symplesiomorphie; wird das ursprüngliche Merkmal in einigen Teilgruppen reduziert (oder auch stark abgeleitet) und bleibt in anderen (mehr oder weniger unverändert) erhalten, kommen die Schwierigkeiten mit Unterschieden zwischen Ähnlichkeiten und tatsächlichen Verwandtschaften ins Spiel, die die systematische Biologie so schwierig, aber auch abwechlungsreich, interessant und spannend machen ... ;)

    Hoffe, Du kannst damit was anfangen ... redaktionelle Überarbeitung erwünscht, die Materie ist schwierig und für Anfänger/Laien nur schwierig vereinfacht darzustellen.

    Alles Gute
    Wolfgang

  • Beiträge zu diesem Thema

    Welche Coleophora? C. frischella? *Bild* Bestimmungshilfe
    Re: Coleophora cf. frischella: Genitalpräparat *Bild*
    Re: Coleophora cf. frischella: Genitalpräparat
    Re: Coleophora cf. frischella: Genitalpräparat
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    Re: Coleophora: spannend, spannend...!
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    Leute hört auf...
    Re: Leute hört auf...
    Uff..
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    Paratypus ??
    Re: Paratypus ??
    Re: Paratypus ??
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    Begriffsdefinitionen
    Re: Begriffsdefinitionen
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    Revision und Phylogenie
    @Wolfgang et al. - Paratypus - Erstfund ??
    Re: @Wolfgang et al. - Paratypus - Erstfund ??
    Zu hoch für mich!
    Re: Zu hoch für mich!
    Danke!
    Zu hoch für mich? Kann man lernen!
    Re: Zu hoch für mich? Kann man lernen!
    Re: Zu hoch für mich? Kann man lernen!
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    Ich will' s verstehen !!!
    Re: Ich will' s verstehen !!!
    Re: Ich will' s verstehen !!!
    Re: Ich will' s verstehen !!!
    Re: Ich will' s verstehen !!!
    Re: Ich will' s verstehen !!!
    Re: Ich will' s verstehen !!!
    @ Wolfgang: pro Staudingero
    Re: @ Wolfgang: pro Staudingero
    @Administratoren
    Beleg kam heute zurück: kein Paratypus, sondern C. mayrella