Polyommatus coridon

Bestimmungshilfe für die in Europa nachgewiesenen Schmetterlingsarten

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Eriogaster Arbusculae

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Bestimmungshilfe / Schmetterlingsfamilien / Lasiocampidae (Glucken)
EU M-EU 06739 Eriogaster arbusculae (FREYER, 1849) - Alpen-Wollafter

1, ♂: Schweiz, Wallis, Simplon, 2000 m, 5. Juni 2010 (Foto und det.: Armin Hemmersbach) [Forum]
2, ♂: Schweiz, Graubünden, Prättigau, St. Antönien, 1830 m, 10. Mai 2011 (det. & fot.: Daniel Bolt) [Forum]
3, ♂: Schweiz, Wallis, Täschalp, Mai 1994 (Zuchtfoto: Bernhard Jost) [Forum]


Raupe

1, Wiederfund nach rund 40 Jahren in Deutschland (siehe aber Punkt "Faunistik"): Deutschland, Bayern, Allgäuer Alpen, Mädelejoch, 1900 m, ca. 300 m von der Grenze zu Österreich/Tirol, 31. Juli 2015, Tagfund (Freilandfoto und det. Janosch Oberle)
2: Österreich, Tirol, Ötztal, leg. Helmut Rauchberger, Foto am 29. Juli 2006 (Foto: Peter Buchner), det. Helmut Rauchberger
3: Österreich, Kärnten, Nockalmgebiet, ca. 1500 m, 1. August 2005 (Foto: Inge Endel), det. Thomas Fähnrich, conf. Hans Moser [Forum]
4, Häutungsruhe: Italien, Piemont, Cuneo, Chianale, Osthang unterhalb des Lago Bleu, 2200 m, Pfadrand zwischen Zwergstrauch-Vegetation, 31. Juli 2008 (Freilandfoto: Franziska Bauer), det. Klaus Meyer [Forum]
5-6: Schweiz, Graubünden, San Bernardinopass, 1900 m, an Vaccinium myrtillus und Vaccinium gaultherioides, 6. August 2008 (Freilandfotos: Ernst Gubler), det. Franziska Bauer [Forum]
7: Schweiz, St. Gallen, Churfirstengebiet, 1650 m, 24. Juli 2009 (Freilandfoto: Pia Rindlisbacher), det. Pia Rindlisbacher, conf. Egbert Friedrich [Forum]
8-9: Schweiz, Wallis, Turtmanntal, 2200-2800 m, an alpinen Salix-Arten, 25. Juli 2010 (det. & Freilandfotos: Rudolf Bryner) [Forum]
10: Österreich, Kärnten, Hohe Tauern, Großglockner-Hochalpenstraße, 1950 m, Raupen am 4. August 2015 (leg., cult., det. & Fotos: Helmut Deutsch) [Forum]

Anmerkung: Zwei bis zum 28.03.2015 hier gezeigte Raupenbilder [Forum] waren fehlbestimmt und wurden entfernt. [Korrekturhinweis]


Puppe, Puppenkokon

1: Österreich, Kärnten, Hohe Tauern, Großglockner-Hochalpenstraße, 1950 m, Raupen am 4. August 2015 (leg., cult., det. & Fotos: Helmut Deutsch) [Forum]



Diagnose

1-2, ♂ & 3-4, ♀: Daten siehe Etiketten (fot.: Michel Kettner), coll. ZSM


Erstbeschreibung

FREYER (1849: 304) [nach Copyright-freiem Scan auf www.biodiversitylibrary.org]

Bezug der Indikation

FREYER (1843: 164-165) [nach Copyright-freien Scans auf www.biodiversitylibrary.org]



Biologie

Habitat

1: Italien, Piemont, Cuneo, Chianale, Osthang unterhalb des Lago Bleu, 2200 m, mit Blick auf den Monte Viso (3841 m), 31. Juli 2008 (Freilandfoto: Franziska Bauer) [Forum]


Lebensweise, Populationsdynamik, etc.

BURMANN (1943, 1949) trägt viele Details zur Lebensweise der Art in den Alpen zusammen. Die bis heute umfassendste Detailarbeit über Phänologie und langjährige Entwicklungszyklen der Art stammt dann aber von TRAWÖGER (1977) und betrifft insbesondere die Tuxer Voralpen. Das meiste, was dort festgestellt wurde, dürfte aber für den gesamten Vorkommensraum in den Alpen gelten.

Hinzuweisen ist noch auf die intensive Studie von TRAWÖGER & BRUNNER (2004) zum Thema "Radioaktiver Niederschlag als mögliche Ursache für den dramatischen Rückgang von Eriogaster arbusculae FREYER 1843 - Populationen in den Zentralalpen (Insecta, Lepidoptera, Lasiocampidae)". Die Autoren schreiben in ihrer Zusammenfassung: "Der seit den letzten etwa 8 Jahren starke Rückgang der Populationsdichte einiger alpiner Schmetterlingsarten war der Anlass zu einer Untersuchung über dessen Ursache. Das Hauptinteresse galt der in der Zwergstrauchtstufe angesiedelten Art Eriogaster arbusculae FREYER 1843. Das Verhaltensmuster dieser Art ist aufgrund eines langen Beobachtungszeitraumes (1948 - 2004) am besten zu beurteilen. Nach dem Abwägen aller möglichen Ursachen wie Klimawandel, Ozon, UV oder Luftschadstoffzunahme, blieb als am wahrscheinlichsten eine radioaktive Belastung durch Cäsium-137, verursacht durch die Tschernobyl Katastrophe 1986. Die am Institut für analytische Chemie und Radiochemie der Universität Innsbruck durchgeführten Messungen von Boden- und Pflanzenproben zeigen nicht nur relativ hohe Werte allgemein, sondern auch einen Zusammenhang zwischen dem Grad der lokalen Belastung und dem Absinken der Populationsdichte bzw. dem bereits fast völligen Aussterben der Art. Einen weiteren deutlichen Hinweis auf die vermutete Ursache ergibt sich aus der Tatsache, dass bei dieser wie auch noch weiteren Arten, ein deutlicher Niedergang erst wenige Jahre nach Tschernobyl ab etwa 1992 begann." Da hier der beste Kenner der Art in der Region und ein erfahrener Nuklearforscher zusammengearbeitet haben, sind die Schlussfolgerungen nicht leicht von der Hand zu weisen.


Nahrungspflanzen, Fraß-Spuren

1, Braun-Weide (Salix waldsteiniana) + 2, Hänge-Birke (Betula pendula) Österreich, Kärnten, Hohe Tauern, Großglockner-Hochalpenstraße, 1950 m, Raupen am 4. August 2015 (Fotos: Helmut Deutsch, det. Oliver Stöhr) [Forum]

Die Raupen finden sich in den Alpen meist an niedrigwüchsigen kleinblättrigen Weiden, wohl allen voran Salix waldsteiniana. Wohl wegen der Schwierigkeiten bei der Artansprache der Weiden-Arten, aber auch deswegen, weil die Pflanzen unter den Raupennestern meist kaum zu sehen sind, fehlen leider konkrete Angaben zu anderen genutzten Arten der Gattung fast ganz (Lediglich BURMANN (1943) nennt auch Salix retusa, HYDÉN (2006) für Skandinavien Salix lapponum). Grün-Erlen, Birken und Vaccinium-Arten spielen ebenfalls eine große, teilweise überragende Rolle; wie TRAWÖGER zeigte, gibt es aber auch regionale oder gar lokale Unterschiede in der Nutzung dieser Arten. In Skandinavien scheint die Zwerg-Birke die wichtigste Raupennahrungspflanze zu sein (HYDÉN 2006, AARVIK et al. 2009), von dort stammt auch die Angabe zur Moltebeere. Die Angabe zur Mehlbeere geht auf VORBRODT (1911) zurück - wie zuverlässig sie ist - und ob hier Freiland-Raupennahrung gemeint war - muss offen bleiben. Gleiches gilt für die Alpen-Weide, die Ruch-Weide, die Strauch-Birke und die Moor-Birke, für die ich bisher jeweils keine Primärangaben gefunden habe - plausibel sind sie alle.

(Autor: Erwin Rennwald)



Weitere Informationen

Etymologie (Namenserklärung)

Nach der Weidenart ”Salix arbuscula“ . Unter diesem Namen wurden im 19. Jahrhundert die kleinwüchsigen alpinen und skandinavischen Weiden geführt. Erst später erkannte man die alpinen Populationen (heute Salix foetida und Salix waldsteiniana) als artverschieden von der skandinavischen Salix arbuscula. FREYERs alpine Raupen stammten demnach entweder von Salix foetida oder von Salix waldsteiniana.

(Text: Axel Steiner)


Andere Kombinationen


Faunistik

Die Art kam in Deutschland nur in den bayerischen Alpen vor. Nach dem letzten Nachweis um 1980 musste die Art bei der Erstellung der letzten Roten Liste für Deutschland als "ausgestorben oder verschollen" eingestuft werden (RENNWALD et al. 2012); ein Wiederfund wurde hier aber nicht ausgeschlossen. Erfreulicherweise konnte diese Hoffnung auf eine Wiederentdeckung mit dem Raupenfund von Janosch Oberle vom 31. Juli 2015 am Mädelejoch, 1900 m, ca. 300 m von der Grenze zu Österreich/Tirol erfüllt werden (siehe Raupenbild 1). Nach der Bekanntgabe des Wiederfundes im Lepiforum erfuhr ich, dass eine Publikation über Wiederfunde der Art in den Jahren 2013 und 2014 im Druck war. Diese erschien Ende 2015 in den Beiträgen zur bayerischen Entomofaunistik (KARLE-FENDT & WOLF 2015); In ihr wird über Raupenfunde südlich des Rappenalptales und am Mädelejoch berichtet. Die Autoren kommen darin zum Schluss: "Sowohl die Gebirgsstöcke südlich des Rappenalptales als auch das Mädelejoch wurden in den letzten zehn Jahren von KF mindestens zwei Mal jährlich zur Zeit der Raupenstadien von Eriogaster arbusculae intensiv bearbeitet. Dass keine Nachweise gelangen, spricht gegen eine dauerhaft bodenständige Population der Art in diesem Bereich. Dementsprechend deuten die aktuellen Funde von E. arbusculae in den zentralen Allgäuer Alpen darauf hin, dass die Art von Südwesten etwa über den Hochtannbergpass bei den im Mai/Juni häufigen, oft mit Starkwinden verbundenen Südwestwetterlagen verdriftet wird. Ein aktiver Einflug ist in Anbetracht der geringen Flugfähigkeit und kurzen Lebenszeit der Weibchen (Trawöger, 1977: 113) eher unwahrscheinlich. Die historischen Nachweise in den zentralen Allgäuer Hochalpen sind wohl als zeitweise Besiedlungen durch Verdriftung aus Stammhabitaten an den Kämmen des Westrandes zu sehen. Die von Schwarzbeck beschriebenen Populationsgrößen treten dabei offensichtlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf. Die Gespinstfunde am Siplinger Kopf in zwei aufeinanderfolgenden Jahren sprechen immerhin für ein dauerhaftes Vorkommen in diesem Bereich. Das würde bedeuten, dass die Naturräume Allgäuer Hochalpen, Hinterer Bregenzer Wald und Nagelfluhkette eine fluktuierende Arealgrenze mit zeitweise von Südwesten erfolgenden Neubesiedlungen darstellen. Deren Erfolg würde damit von der Dichte der Spenderpopulationen in Vorarlberg abhängen. Ungeklärt bleibt nach wie vor, wie die Besiedelung neuer Lebensräume in Anbetracht der geringen Flugfähigkeit der Weibchen abläuft."

(Autor: Erwin Rennwald)


Nomenklatur

Entgegen der bis zum 14. November 2015 hier vertretenen Auffassung, FREYERs „Neuere Beiträge zur Schmetterlingskunde mit Abbildungen nach der Natur“, Band 6 (1852: 179-180, 186, pl. 590 fig. 2) enthielten die Erstbeschreibung der Art, ist FREYER (1849: 304) als Erstbeschreibung anzusehen, da die Beschreibung eines Präimaginalstadiums, hier der Raupe, gemäß ICZN 72.5.1. den Namen verfügbar macht. Eine unverwechselbare Beschreibung der Raupe liefert FREYER (1849: 304) durch Indikation von FREYER (1843: 164).

(Jürgen Rodeland mit Dank an Werner Wolf für den Hinweis auf diesen Sachverhalt)


Literatur


Bestimmungshilfe / Schmetterlingsfamilien / Lasiocampidae (Glucken)
EU M-EU 06739 Eriogaster arbusculae (FREYER, 1849) - Alpen-Wollafter art-mitteleuropa

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Letzte Änderung am Dezember 21, 2015 22:40 von Erwin Rennwald
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