Polyommatus coridon
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Re: Welcher graue Falter?

Hallo Ernst,

dieser Falter ist wohl kaum grau, sondern normalerweise dottergelb, selten ein wenig mit dunklen Schuppen bepudert, ganz selten aber auch etwas dichter (eine besondere Form). Die Art bewohnt subalpin-alpine Wiesen und Matten, wo im Juli-August manchmal häufig auftritt. Die Weibchen sitzen im Gras und fliegen nur selten auf. Die Männchen sind zum Teil nachtaktiv, fliegen aber am liebsten unmittelbar vor Sonnenuntergang und nach Sonnenaufgang, aber bei trüber Witterung mit leichtem Regen auch ganztags. Sie können aus dem Gras tagsüber sehr leicht auch aufgescheucht werden.

Nun, ich habe aber noch nicht geschrieben, wie die Art heisst. Aber eben, hier ist der Hund begraben!

Bis 1999 hat man gedacht, dass die Art, ein Spanner, Crocota tinctaria F. (früher lutearia F.) heisst. Ich könnte ihr auch einen Namen geben, sagen wir: „Dottergelber Alpwiesenspanner“! Dann hat der französische Lepidopterologe LERAUT zufällig einige genitaluntersucht und festgestellt, dass hier zwei deutlich unterschiedliche Genitalien vorliegen. Die entdeckte neue Art hat den Namen „Crocota pseudotinctaria LERAUT, 1999“ erhalten (die Publikation ist in der Zeitschrift „Alexanor“ mit 1998 datiert, sie ist in Wirklichkeit jedoch erst 1999 erschienen!). Wir könnten diese Art vielleicht „Falscher dottergelber Alpwiesenspanner“ nennen!

Seit dem habe ich selber mit diesem Problem viel beschäftigt und auch mehrere Publikationen darüber geschrieben:

REZBANYAI-RESER, L. (2000): Zur Morphologie, Phänologie und Verbreitung von Crocota tinctaria HÜBNER, 1799, und der erst vor kurzem erkannten C.pseudotinctaria LERAUT, 1999 (Lepidoptera: Geometridae). - Entomol. Ber. Luzern, 44: 137-162.
REZBANYAI-RESER, L. (2002): Sympatrisches Vorkommen von Crocota tinctaria (HÜBNER, 1799) und pseudotinctaria LERAUT, 1999, zwischen Olivone und dem Lukmanierpass, Nordosttessin, sowie weitere Fundorte in der Schweiz, in Italien und Frankreich (Lepidoptera, Geometridae). – Entomol. Ber. Luzern, 47: 85-114.
REZBANYAI-RESER, L. (2002): Crocota-Studien 3. - Zucht und erste Stände, sowie nichtgelungene Bastardierungsversuche bei Crocota tinctaria (HÜBNER, 1799) und pseudotinctaria LERAUT, 1999 (Lepidoptera: Geometridae). – Entomol. Ber. Luzern, 48: 1-14.
REZBANYAI-RESER, L. (2002): Crocota-Studien 4. - Die eigenartige Verbreitung und das weitere sympatrische Vorkommen von Crocota tinctaria (HÜBNER, 1799) und pseudotinctaria LERAUT, 1999, beim Lago Ritóm, Nordtessin (Lepidoptera: Geometridae). – Entomol. Ber. Luzern, 48: 15-36.
REZBANYAI-RESER, L. (2003): Crocota-Studien 5. – Zur Verbreitung der Crocota-Arten tinctaria (HÜBNER, 1799) und pseudotinctaria LERAUT, 1999, im Gotthardgebiet, Nordtessin (Schweiz). Eine weitere, von pseudotinctaria eingekesselte tinctaria-Population (Lepidoptera: Geometridae). – Entomol. Ber. Luzern, 50: 19-24.
REZBANYAI-RESER, L. (2004): Crocota-Studien 6. – Das anscheinend alleinige Vorkommen von C.pseudotinctaria LERAUT, 1999, im nordöstlichen Bedretto-Tal, Nordtessin (Lepidoptera: Geometridae). – Entomol. Ber. Luzern, 51: 85-94.
REZBANYAI-RESER, L. (2004): Crocota-Studien 7. – Das Rätsel um das Vorkommen von C.pseudotinctaria LERAUT, 1999, im Engadin (Südostschweiz) und im Ötztal (Österreich) (Lepidoptera: Geometridae). – Entomol. Ber. Luzern, 51: 95-114.

Dabei habe ich viele sehr interessante, spannende Feststellungen gemacht, vor allem:
- dass die beiden miteinander nicht hybridisierbar sind (also sicher zwei Arten),
- dass sie am Gelände oder nach ihrem Aussehen mit Sicherheit nicht unterscheidbar sind (aber ein Kenner kann sie einigermassen sowohl nach ihrem Aussehen als auch am Gelände nach ihrem Flug annähernd unterscheiden),
- dass sie unmittelbar miteinander nur sehr eng begrenzt, auf kleinen Flächen (10x100m und ähnliches) vorkommen, wo ihre homogene Verbreitungslebensräume einander berühren, und
- dass die beiden einander irgendwie meiden, ausweichen oder eine (pseudotinctaria) die andere (tinctaria) sogar vielleicht bekämpft und verdrängt.

Nach den bisherigen Kenntnissen kommt C.tinctaria in den Apenninen (IT), im Massif Central (FR), in den westlichen Alpen (IT, FR) und auf der Südseite der östlichen Alpen (IT) vor (weitere Meldungen, Pyrenäen, Karpaten oder Ural, müssen noch überprüft werden). Das Hauptverbreitungsgebiet von C.pseudotinctaria ist im Wallis (CH), ein wenig die andere (berner und zentralschweizer) Seite der Nordwalliser Alpenkette und die Südhänge an der anderen Seite der Südwalliser Alpenkette (Piemon und Nordseite vom Aostatal IT), ferner die westliche Hälfte und der Nordrand des Tessins (CH). Pseudotinctaria drängt aber aus dem Aostatal und aus dem Wallis auch in die unmittelbar angrenzenden Französischen Alpen noch hinein (ganzes Mt.Blanck-Gebiet). Einzelne, fragwürdige pseudotinctaria stammen aus dem Graubünden (CH), wo normalerweise jedoch tinctaria lebt (ausgenommen die Nordseite des Bündner Rheintales, wo aber nur pseudotinctaria vorkommt). Einzelne, fragwürdige pseudotinctaria-Angaben stammen noch aus dem Ötztal (Nordtirol AT), wo diese Art eigentlich nicht vorkommen dürfte (aber in der Natur ist alles möglich!). Ich konnte 2004 dieses Vorkommen trotz grosser Bemühungen jedoch nicht bestätigen (siehe Publikation), und auch Tiroler Kollegen halten dies für unwahrscheinlich.

Also wie gesagt, man kann die beiden Arten nur nach den Genitalien unterscheiden, und bekanntlich sind diese an einem Foto in der Regel nicht erkennbar. Nach der bisher bekannten Verbreitung der beiden Arten ist aber anzunehmen, dass es sich um Crocota tinctaria handelt. Von der Südseite des Berninagebietes ist bisher nur diese Art bekannt. Das Gebiet ist aber nach Crocota nicht systematisch erforsch worden, und man kann deshalb nie wissen!

Crocota sind auf Alpwiesen, im grasigen Zwergstaudengebüch (Grünerlen, Wacholder) auch tagsüber im Flug zu finden und kaum zu übersehen. Es lohnt sich von diesen Arten nach Möglichkeit immer mehrere Exemplare mit nach Hause zu nehmen und genitaluntersuchen oder genitaluntersuchen zu lassen (aber der Fundort sollte bei jedem einzelnen Tier so peinlich als nur möglich genau vermerkt werden, nicht nur „Bernina-Südseite“, sondern Flurname oder sogar genaue Koordinaten!). Man kann nie wissen, was für wichtige neue Erkenntnisse dadurch zustande kommen.

Die Genitalien kann man unter einer Lupe auch in weichem Zustand (vor dem Spannen) leicht unterscheiden. Nach einem vorsichtigen Abpinseln ist dies aber meist sogar bei den schon trockenen Belegen ohne Mazeration möglich (Vorsicht, es handelt sich um eine Art, bei der alle Einzelteile in trockenem Zustand sehr leicht abbrechen. Sogar Sammlungskasten mit Crocota sollten mit grosser Vorsicht geöffnet werden.). Dies alles ist in den oben erwähnten Publikationen ebenfalls beschrieben.

Aber auch die vielerorts schon vorhandenen Sammlungsbelege sollten ausnahmslos genitaluntersucht werden (viele private und amtliche Sammlungen in CH, DE, IT, AT habe ich schon mal bestimmt, aber überall warten noch sicher Hunderte oder Tausende Crocota auf die genaue Bestimmung).

Ich bin jedenfalls dankbar für die Mitteilung von sicheren Funddaten und bin auch gerne bereit, Crocota-Belege unentgeltlich zu genitalisieren, wenn diese mir per Post (sehr gut, weich verpackt) leihweise zugeschickt werden (Natur-Museum Luzern, Kasernenplatz 6, CH-6003 Luzern).

Reicht dies für heute!

Ladislaus RESER

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