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Forum 2: Alles außer Bestimmungsanfragen

Re: Insektensterben
Antwort auf: Insektensterben ()

Hallo zusammen,

hier kann man die Veröffentlichung des entomologischen Vereins Krefeld zum Thema Insektensterben in Nordrhein-Westfalen lesen:

http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

Plosone ist eine open access-Zeitschrift. Ihr könnt also alles selbst im Original und ohne Extra-Bezahlung studieren! Das ist nicht selbstverständlich. Also nutzt es bitte.

Ein paar Stichworte, auch bezüglich der Methodenkritik.

Basis sind insgesamt 96 Malaisefallen-Jahre an 63 Malaisefallen-Standorten quer über Deutschland. Die Erhebungen erfolgten in den Jahren 1989 - 2016. An den meisten Malaisefallen-Standorten wurde nur in einem Jahr gesammelt, an anderen in 2 Jahren, an wenigen in 3 oder gar 4 Jahren. An keinem einzigen Standort gibt es also eine Serie über 27 Jahre hinweg. Falls es diesen gäbe, würde er mit Sicherheit stark kritisiert werden, denn dann würde man unterstellen, dass der Malaisefallen-Einsatz über die Jahre hinweg selbst zu diesem Rückgang geführt oder zumindest dazu beigetragen hätte.

Für die, die noch nie Malaisefallen gesehen haben: Wie Malaisefallen funktionieren und ihre Kritik daran wird im Wikipedia-Artikel gut erläutert: https://de.wikipedia.org/wiki/Malaise-Falle

Alle 96 Malaisefallen wurden in (Natur-)Schutzgebieten eingesetzt. Sie sind also mit Sicherheit nicht repräsentativ für Deutschland. Der errechnete Rückgang in der Insekten-Biomasse von 75 oder 76 % sagt also eigentlich nur aus, dass (selbst) in den Schutzgebieten ein dramatischer Rückgang zu verzeichnen ist, also dort, wo man eine Stabilisierung oder gar Verbesserung erwarten hätte müssen. Und noch eine Zahl ist bemerkenswert: Der Rückgang ist im Hochsommer - mit dann über 80% - am dramatischsten. Dass das dann auch Auswirkungen auf Vögel und Fledermäuse hat ist zwingend zu erwarten.

Aber: Um zu realen Zahlen zu kommen, müsste man auch Malaisefallen mitten in Acker- und "normalen" Grünland-Bereichen mit einbeziehen. Außerdem solche in neuen und älteren Baugebieten, etc. Eigentlich müsste es ein bundesweites Monitoring auf jeweils zufällig gewählten repräsentativen Flächen geben. Aber man ahnt, dass das dann ziemlich negativ ausfallen könnte. Deshalb tut der Staat gut daran, solche Daten gleich gar nicht zu erheben bzw. erheben zu lassen. Es könnte sonst dazu kommen, dass Konsequenzen gefordert werden. So war das bisher.

Insofern bin ich sehr froh, dass der Bauernverband jetzt endlich ein Monitoring will. Wenn sogar Herr Rukwied - als Präsident des Deutschen Bauernverbands - so etwas fordert, finde ich das klasse! Es wird natürlich aus dem Landwirtschaftstopf bezahlt, jedenfalls überwiegend, wie ich hoffe.

Was schlägt denn Herr Rukwied vor? Siehe: http://www.raiffeisen.com/news/artikel/30383752

"Der Deutsche Bauernverband (DBV) warnt vor voreiligen Schlüssen aus der aktuell vorgestellten Studie zum Insektenrückgang im Bundesgebiet."

Da hat er recht, "voreilige" Schlüsse brauchen wir wirklich nicht. Aber einige längst überfällige sollten doch aus der Schublade geholt werden. Nehmen wir als Beispiel uneingeschränktes Glyphosatverbot und uneingeschränktes Verbot der Anwendung von Neonikotinoiden in der Land- und Forstwirtschaft. Denn das die einen wesentlichen Anteil am Artensterben haben, wussten wir auch schon vor dieser Studie.

"„Wir brauchen ein repräsentatives Monitoring, um belastbare Datenreihen zu bekommen“, erklärte DBV-Präsident Joachim Rukwied heute in Berlin. Laut Studie lägen nur bei sechs von 63 Messstellen mehr als zweijährige Datenreihen vor. Rukwied verwies auf die Aussage der Autoren, dass es noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gebe."

Aber Herr Präsident! Wer hat Ihnen denn bei Amtsantritt vor 5 Jahren gesagt, dass sie keine solche Studie beauftragen dürfen. Schade, dass sie das damals nicht in Angriff genommen haben, wenn das doch für die Landwirtschaft so wichtig ist! Ja, wir brauchen so ein Monitoring, ja, es gibt noch "dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs" - aber das Monitoring soll doch hoffentlich nicht dazu dienen, schon jetzt längst überfällige Schritte noch weiter auf die lange Bank zu schieben. Oder habe ich sie da falsch interpretiert?

"Rukwied sprach von vielfältigen Einflüssen auf die Entwicklung der Artenvielfalt. Neben Industrie, Urbanität, Verkehr, Jahreswitterung und Klimaveränderungen zähle dazu auch landwirtschaftliches Handeln."

Das ist doch schon mal ein Fortschritt: "Landwirtschaftliches Handeln" wird als Einflussgröße für die Entwicklung der Artenvielfalt anerkannt! Und ja: Es gibt auch noch andere Einflüsse, die wir nicht übersehen sollten - und die die beanstandete Studie ja auch allesamt nennt. Aber schon mal rein von der Fläche her, spielen Land- und Forstwirtschaft eben die zentrale Rolle - wobei sich im Bereich der Forstwirtschaft in den letzten Jahrzehnten sehr viel weniger geändert hat als in der Landwirtschaft. Und klar, da gibt es auch noch die bauliche Versiegelung. Diese nahm in Baden-Württemberg so dramatische Ausmaße an, dass selbst ein "schwarzer" Ministerpräsident eine "Nettonull-Neuversiegelung" forderte - jetzt haben wir seit etlichen Jahren einen "grünen" Ministerpräsidenten und die "Neuversiegelung" schreitet ungebremst fort. Als Gutachter weiß ich, was auf diesen Flächen vernichtet wird - aber es wird ja alles "ausgeglichen" ...

"Ausdrücklich betonte der DBV-Präsident das Interesse der Landwirte an einer großen Artenvielfalt. „Wir Landwirte brauchen die Vielfalt an Arten; deshalb betreiben wir eine Reihe von Projekten wie Lerchenfenster, Blühstreifen, blühende Herbstsaaten und Naturschutzprojekte“, so Rukwied."

Ja, es gibt Landwirte, die das kapiert haben, und gerade unter den Jüngeren finde ich zunehmend auch solche, die daraus ernstzunehmende Konsequenzen ziehen. Aber es sind noch lange nicht "die" Landwirte. Ich bearbeite z.B. derzeit ein Naturschutzgebiet, dessen Wiesengürtel vom Jäger als "grüne Wüste" bezeichnet wird. Und ich muss ihm Recht geben: Da wird alles auf riesiger Fläche an einem Tag gemäht, Randstreifen oder Brachen gibt es nicht. Keine Deckung für Feldhasen, keine für Rebhühner ... aber eben auch nur ganz wenige Tagfalter- und Heuschrecken-Arten. Die riesigen landeseigenen (!) Äcker im NSG - früher mal alle sehr kleinparzellig bewirtschaftet - werden noch immer massiv mit Glyphosat behandelt, von der Jägerschaft angelegte Randstreifen werden gleich wieder abgemulcht und umgepflügt. Gute landwirtschaftliche Praxis eben. Da nutzen auch mit Glyphosat freigespritzte "Lerchenfenster" nichts. Ja, die Landwirte brauchen Artenvielfalt, die Agroindustrie aber bisher anscheinend nicht. Und die Grenzen zwischen beiden sind fließend.

"Auf jedem dritten Hektar würden freiwillig Agrarumweltprogramme umgesetzt."

Das ist entweder schlichtweg gelogen oder die "Agrarumweltprogramme" unterscheiden sich in nichts von der konventionellen Landwirtschaft. Die Programme sind Subventionsprogramme für die Agroindustrie, aber eben keine Insektenschutzprogramme.

"Zusätzlich beteiligten sich die Landwirte an Vertragsnaturschutzprogrammen, legten Blühstreifen und Landschaftselemente an. In Biodiversitätsprojekten erarbeiteten Landwirte und Naturschützer gemeinsam praktikable und wirtschaftlich tragfähige Maßnahmen."

Ja, und das finde ich klasse! Für nicht wenige Landwirte sind Vertragsnaturschutzprogramme zu einem wichtigen Standbein geworden. Hier liegen die Defizite nicht bei den beteiligten Landwirten, sondern meist bei den Naturschutzbehörden, die auf möglichst billig und daher in Bezug auf Förderung von Artenvielfalt ineffizient setzen. Gerade im Vertragsnaturschutz sind monotone Bewirtschaftungen auf viel zu großen Flächen eher der Normal- als der Ausnahmezustand. Auch da stoße ich auf ein langsames Umdenken, aber ein angesichts der Dramatik der Entwicklung eben zu langsames Umlenken.

"Auch der Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV), Bernhard Conzen, mahnte zu einem sachlichen Umgang mit der Insektenstudie. Vorschnelle und einseitige Schuldzuweisungen in Richtung Landwirtschaft seien angesichts einer fehlenden Ursachen-Wirkung-Analyse nicht zielführend, stellte Conzen fest."

Ist das als Drohung zu verstehen? Ist die Studie denn nicht sachlich genug? Müsste es nicht heißen: "Vorschnelle und einseitige Schuldabweisungen von Seiten der Landwirtschaft sind angesichts einer fehlenden Ursachen-Wirkung-Analyse nicht zielführend". Denn dass die Landwirtschaft die Flächen, auf denen Defizite festgestellt wurden, bewirtschaftet, leugnet doch wohl niemand. Und dass von der Landwirtschaft eingesetzte "Insektizide" dazu da sind, Insekten zu töten, sagt ja schon ihr Name. Wenn der Einsatz von Tausenden von Tonnen dieser Gifte keine Wirkung hätte, würden die Landwirte doch sicher kein Geld dafür ausgeben. Dass "Herbizide" dazu da sind, möglichst alle unerwünschten Pflanzenarten lokal abzutöten, sagt ebenfalls ihr Name. Dass das Auswirkungen auf die Insektenvielfalt und -menge hat, liegt in der Natur der Sache.

"Am Anfang einer sachlichen Diskussion über die Entwicklung der Insektenbestände müsse eine umfassende Ursachenforschung stehen, „die selbstverständlich auch landwirtschaftliche Aspekte einschließt“. "

Jawohl - und schön, dass diese sachliche Diskussion jetzt endlich von Seiten ehrenamtlicher Naturschützer noch einmal mutig in Angriff genommen wurde. Viele Landwirte vor Ort wissen, dass sich die Agroindustrie mit der Agrochemie den "Teufel ins Haus geholt" hat. Sie werden gerne mit erfahrenen Insektenkundlern eine zielführende Diskussion führen.

"Am Anfang" brauchen wir jetzt keine weiteren Studien oder Diskussionen, sondern erst einmal effektives Handeln. Grundlagen dazu haben wir mehr als genug - dass man z.B. das von Georg M. hier immer wieder angeprangerte Mulchen aus Gründen des Insektenschutzes schlichtweg bleiben lassen sollte, bedarf keiner weiteren Diskussion. Und Verzicht auf Glyphosat und Neonikotinoide schadet der Insektenvielfalt sicher nicht. Dass kleinparzellierte Bewirtschaftung das A & O für Artenvielfalt ist, wissen wir auch seit mehr als hundert Jahren. Machen wir das also alles ab sofort besser und studieren darüberhinaus, was noch zur Entwicklung der Insektenbestände beitragen könnte.

Ich gebe zu bedenken: Solange wir unter "Insektenschutz" noch immer "Schutz vor Insekten" und nicht "Schutz für Insekten" verstehen, stimmt etwas nicht mit uns!

Viele Grüße

Erwin Rennwald

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Sorry, es sollte hier stehen: Falls es noch interessiert . . . *kein Text*
die Ursachen sind doch so offensichtlich...
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super Besprechung super, kann ich voll unterschreiben *kein Text*
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