Polyommatus coridon
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Forum 2: Alles außer Bestimmungsanfragen

Dufthaarorgane von männlichen Schmetterlingen am Beispiel von Mamestra brassicae *Foto*

Die männlichen Dufthaarorgane an der Abdomenbasis bei manchen Noctuiden sind noch gar nicht so lange bekannt (Birch 1970) und ihre Funktion war anfangs unklar. Inzwischen ist nachgewiesen, daß sie bei der Paarung eingesetzt werden (Poppy & Birch 1994).

Eine Drüse im 2. Abdominalsegment produziert eine Vorstufe des Duftstoffs, die auf einen Haarpinsel abgesondert wird, auf dem innerhalb von 24 Stunden das Pheromon ensteht. Dieser Haarpinsel liegt in einer seitlichen Hauttasche, die vom 2. bis 4. Abdominalsegment reicht und normalerweise gut verschlossen ist. Er sitzt auf einem sklerotisierten Arm (in der englischen Literatur: lever = Hebel), der bei der Paarung ausgeschwenkt wird, wobei sich der Haarpinsel auffächert und das Pheromon in Richtung des Weibchens ausduftet. Das Organ ist paarig, also rechts und links vorhanden, kann aber einzeln eingesetzt werden.

Da das Ausfächern der Haarpinsel nur ganz kurz stattfindet, gibt es wenig Fotos oder Videos dieses Vorgangs. Bei Mamestra brassicae dauert das Ausfahren des Arms und das Ausfächern der Haare 80 Millisekunden; der Haarpinsel wird nur 100 ± 20 Millisekunden lang geöffnet gehalten und dann wieder zusammengelegt (Daten aus Poppy & Birch 1994). Bis der zusammengelegte Haarpinsel wieder in seiner Tasche verstaut wird, kann es allerdings Minuten oder sogar Stunden dauern, weshalb man einen oder beide Haarpinsel gelegentlich bei männlichen Noctuiden zu sehen bekommt.
Ein Mamestra brassicae-Männchen, das ich zum Bestimmen kurz betäubt hatte, hat dabei einen seiner Dufthaarpinsel ausgefahren und längere Zeit aufgefächert gehalten, so daß mir Zeit für ein paar Fotos blieb.


Oben: Der ausgestülpte Haarfächer. (Der schwarze Fleck unterhalb des Zentrums des Haarfächers ist das Kniegelenk des linken Hinterbeins.)


Oben: Der Haarfächer beginnt sich wieder zu schließen.


Oben: Der Haarpinsel ist fast zusammengelegt. Einige Haare stehen noch ab, weil das linke Hinterbein dazwischenragt. Man erkennt jetzt die Zweifarbigkeit des Haarpinsels (unterschiedliche Feinstruktur der Haare?) und man sieht das rotbraune Ende des Arms, an dem die Haare ansetzen. (Der dunkle Fleck links darüber hat nichts mit dem Dufthaarapparat zu tun sondern ist die Öffnung des Tympanalorgans.)


Oben: Nach ein paar Minuten ist der Falter wieder erwacht und trägt den Haarpinsel noch eine zeitlang außerhalb der Tasche. Das Einstecken in die Tasche habe ich nicht mehr mitbekommen.

Wie das bei der Paarung aussieht, zeigen die Zeichnungen bei Poppy & Birch (1994), von denen ich hier zwei vorstelle. Das Männchen nähert sich dem lockenden Weibchen mit geöffneten Valven, berührt es mit den Fühlern (A) und fächert einen seiner Haarpinsel auf (B) (b = brush, bh = brush hairs).

Nach Poppy & Birch (1994: 887), verändert.

Literatur und Links
Birch, M. C. (1970): Pre-courtship use of abdominal brushes by the nocturnal moth, Phlogophora meticulosa (L.) (Lepidoptera: Noctuidae). – Animal behaviour, 18 (2): 310-316. (Paarungsvorgang bei Phlogophora meticulosa) https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0003347270800434

Birch, M. C. (1972). Male abdominal brush-organs in British Noctuid moths and their value as a taxonomic character. – Entomologist, 105: 185-205, 233-244. (mit Liste der bei den britischen „trifinen“ Noctuiden vorkommenden Strukturen)

Birch, M. C. (1979): Eversible structures. S. 9-18. – In: Heath, J. & Emmet, A. M. (Hrsg.): The Moths and Butterflies of Great Britain and Ireland. Vol. 9. Sphingidae – Noctuidae, Noctuinae and Hadeninae. – London (Curwen Books). 288 S., 13 Farbtaf. (Übersicht mit Liste der bei britischen Arten vorkommenden Dufthaarbüschel, Coremata und anderen Duftorganen)

Birch, M. C., Lucas, D. & White, P. R. (1982): The courtship behavior of the Cabbage Moth, Mamestra brassicae (Lepidoptera: Noctuidae), and the role of male hair-pencils. – Journal of insect behaviour, 2 (2): 227-239. https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2FBF01053294.pdf

Birch, M. C., Poppy, G. M. & Baker, T. C. (1990): Scents and eversible scent structures of male moths. – Annual review of entomology, 35: 25-58.
Poppy, G. M. & Birch, M. C. (1994): Evidence of the eversion of Mamestra brassicae (Lepidoptera: Noctuidae) hair-pencils during courtship. – Journal of insect behavior, 7 (6): 885-889.
https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2FBF01997133.pdf

Beiträge zu diesem Thema

Dufthaarorgane von männlichen Schmetterlingen am Beispiel von Mamestra brassicae *Foto* Bestimmungshilfe
Eine andere Form von "Bauchpinseln", ein AHA-Effekt. Danke und BG, BOB *kein Text*
Große Klasse, beeindruckend, danke dafür! Beste Grüße. *kein Text*
Seeehr interessant ...
Ein treffend-weiblicher Denkansatz! Mal schaun. BG, BOB *kein Text*
siehe die verlinkten Literaturstellen
Kann es sein, dass die scheinbare Zweifarbigkeit...
Zweifarbigkeit *Foto*
Danke dir für die Close-Ups, jetzt ist es klar! Schöne Grüße, Tina *kein Text*