Polyommatus coridon
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Forum 2: Alles ausser Bestimmungsanfragen

Re: Warum falsche Artnamen?

Hallo Jürgen,

Hallo Erwin,
nur eine Zwischenfrage, ich möchte die Diskussion wirklich nicht aufblähen: Wie groß mag der zeitliche Aufwand sein, die grammatikalisch korrekte Form eines lateinischen oder griechischen Wortes im Internet zu recherchieren oder jemanden zu Fragen, der diese Sprachen beherrscht, im Vergleich zur Auffindung, Sammlung, Präparation, Bearbeitung und Veröffentlichung einer neu zu benennenden Spezies sein? 15 Minuten? 1 Stunde?

die 15 Minuten sind näher dran.

Mir jedenfalls rollen sich die Fußnägel auf, wenn ich solch grammatikalisch falsch benutzte Namen lese.

Deshalb ziehe ich Sandalen an und keine geschlossenen Schuhe. :D

Und wenn ich ein Autor wäre, würde ich es als höchst peinlich empfinden, der wissenschaftlich Nachwelt so einen Namen zu hinterlassen, welcher womöglich viele Jahrzehnte oder theoretisch "bis in alle Ewigkeit" mit *meinem* Namen verbunden bliebe und in der Literatur erschiene.

Du vermengst hier 2 Sachen: Die Erstbeschreibung und die späteren Neukombinationen mit anderen Gattungsnamen.

Bei den Erstbeschreibungen sind grammatikalisch falsche Endungen alles andere als häufig. Nur oft genug wissen wir gar nicht, was der Autor wirklich gemeint hat. Nehmen wir so ein Beispiel: Staudinger (1859) hat Hypsolophus bubulcellus beschrieben. Die Gattung dürfte männlich sein, das Artepitheton auch. Aber was bedeutet "bubulcellus" ? Ist es ein Adjektiv - dann müsste die Endung bei einer Verschiebung in eine weibliche Gattung nach den bisherigen Regeln angepasst werden, oder ist es ein Nomen oder gar ein Eigenname eines Ortes, einer Gegend oder Person (etwa gar Frau Bubulcellus?) ? Staudinger (1859) hat es uns nicht verraten! Hat er den Begriff überhaupt aus dem Lateinischen oder Griechischen abgeleitet? Er verrät es uns nicht. Oder doch? Bubulcus ist im Lateinischen der "Ochsentreiber". Und so verstehen wir, wie der Kuhreiher (Bubulcus ibis) zu seinem Gattungsnamen kam. Aber was hat unser Falter damit zu tun ??? Gar nichts? Staudinger (1859) legt uns die Spur: "Kalisch fand davon die Raupen bei Chiclana im getrockneten Kuhmist ...".
Aber was hat das mit unserem Falter zu tun? "bubulcellus" wäre damit der Kleine Ochsentreiber oder der Kleine Kuhreiher, jedenfalls ein Nomen, und da gibt es keine adjektivische Anpassung bei Verschiebung in eine andere Gattung. Der "Kleine Ochsentreiber", das leuchtet mir in Verbindung mit dem Kuhmist ein. Wenn Staudinger (1879) wechselweise von "bubulcellus" und von "bubulcella" schreibt, liegt er nach den derzeitigen Regeln des ICZN also nicht richtig. Aber Staudinger konnte Latein (so vermute ich zumindest) - hat er mit "bubulcellus" also doch ein Adjektiv gemeint? Du siehst die Problematik ...

Staudinger (1879) hat Hypsolophus bubulcellus Staudinger (1859) selbst in eine andere Gattung verschoben, die er zudem selbst aufgestellt hat: Holcopogon Staudinger (1879). Er wusste also wohl, ob die neue Gattung männlich gemeint waren oder nicht. Durch die Beschreibung von Holcopogon helveolellus Staudinger (1879) wird klar, dass sie - wie zu erwarten - männlich gemeint war - auch wenn nachher im Artikel teilweise von "helveolella" die Rede ist. Aber was bedeutet "helveolellus" ? Staudinger (1879) verrät es uns wieder nicht, schlimmer noch: er übernimmt einen in litteris-Namen "helveolellus Mn." des Entomologen MANN, den dieser auch nicht erläutert hat. Was bedeutet "helveolellus"? Hat das etwas mit der Schweiz zu tun? Wenig wahrscheinlich, wenn die Art dort nie gefunden wurde. Ist "helveolellus" ein Nomen oder adjektivisch gemeint? Ich zumindest weiß das nicht. Und wenn ich die Art (oder heute Unterart) in eine weibliche Gattung schieben will, was mache ich dann mit der Endung? Schreibe ich "helveolella" oder belasse ich es bei "helveolellus"? Wenn ich nicht weiß, was gemeint war, habe ich keine Entscheidungsgrundlage. Ich kann hier stundenlang, tagelang, monatelang weiterbrüten, aber die "korrekte" Lösung hätte mir nur der Verstorbene Herr Staudinger geben können - wenn er Jahre später überhaupt noch gewusst hätte, was er sich selbst bei der Namensvergabe gedacht hat ...

Die Verschiebung in eine andere Gattung wird in der Regel nicht von demjenigen vorgenommen, der die Gattungen oder die Art beschrieben hat. Und da landet man gerade bei den alten Beschreibungen dann immer wieder bei dem "Ich-weiß-nicht-was-gemeint-war". Und dann kann man sich in der Literatur jahrelang über die "korrekte" Endung streiten. Passen wir also nur die eindeutigen Fälle an? Tja, wenn wir denn immer wüssten, welche Fälle eindeutig sind und welche nicht ...

Müssen wir dann jedes Mal die ICZN anrufen, damit sie die "richtige" Endung per Machtwort festlegt? Ich fürchte, am Zehenkräuseln würde das auch nichts ändern ...

Die Beibehaltung der originalen Schreibweise des Artepithetons ist zwar nicht immer "schön", aber sie spart uns eine Menge Ausflüge in Themenbereiche, von denen wir als Biologen nichts oder nur wenig verstehen. Und sie schafft uns so Freiraum, uns dem zu widmen, was wir besser können ...

Viele Grüße,

Erwin Rennwald

Beiträge zu diesem Thema

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Re: Apollofalter
Stimmt! Aber warum rennst Du jetzt meine offene Tür ein? *kein Text*
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Re: Vom Wunsch nach Stabilität wissenschaftlicher Namen
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Für die FAQ. VG *kein Text*
Re: Für die FAQ: erledigt. VG Sabine *kein Text*
Re: Warum falsche Artnamen?
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Genau: segetum ist Gen. Pl. von seges. Also die "Eule der Saatfelder" - Grüße, A *kein Text*
Re: Agrotis segetum / Agrotis segetis
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Re: Agrotis segetum / Agrotis segetis
So ischt ääs! (Zitat Ex-MP Teufel) *kein Text*
Re: Warum falsche Artnamen? - wie viele Arten und Autoren sind betroffen?
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