Polyommatus coridon
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Forum 2: Alles ausser Bestimmungsanfragen

Gaaaanz großes, tiefes Faß aufgemacht!

Als Endokrinologe wundere ich mich, dass Nachtfalter bei wesentlich tieferen Temperaturen flattern als Tagfalter, habe aber noch nichts gesehen, was einen Hinweis auf die Ursachen geben könnte. Weiß vielleicht jemand, wo ich das nachlesen kann (englisch oder französisch kann es auch sein)?
Auf der anderen Seite: Gibt es Hinweise darauf, warum Nachtfalter zum Licht fliegen? Oder tun das nicht alle? Welche Falter würde man daher beim Lichtfang verpassen?

Uiuiui, Bernhard,

das sind jetzt aber mehrere gaaanz große und tiefe intergalaktische Fässer, die Du da aufmachen willst mit diesen Fragen nach Europa, der Welt und dem ganzen Universum! Da müßte man stundenlang schreiben. Deswegen nur ein paar Hinweise; detailliertere Informationen bitte in der einschlägigen Fachliteratur oder vielleicht teilweise auch bei Wiki nachschlagen, ich halte hier jetzt nicht die ganz große, allumfassende Vorlesung über Lepidoptera (oder gar Insekten).

1) Was sind Tagfalter, was Nachtfalter? Tagfalter mit (je nach Autor) etwa 7 Familien (und ca. max. 10% aller Lepidopteraarten auf Weltmaßstab) sind als phylogenetisch greifbare Familiengruppe noch ein Monophylum, aber „Nachtfalter“ gibt es nicht — das ist der ganze „Rest“, nachdem die Tagfalter ausgeschlossen wurden. Die Nachtfalter umfassen von den ganz urtümlichen Micropterigidae bis zu den Noctuoidea über 90% aller existenten Schmetterlingsarten, mit ungefähr 90–100 verschiedenen Familien, die alle, phylogenetisch, physiologisch, ethologisch und in allen anderen Aspekten betrachtet, eigenständige Merkmale haben. Das kann man so pauschal gar nicht betrachten. Und viele sogenannte „Nachtfalter“ sind wiederum aus verschiedensten Gründen tagaktiv, wobei im Gegensatz auch „echte“ Tagfalter durchaus in die dunkle Dämmerung ausweichen (einige tropische Arten).

2) „Flattern“ tun in der Tat die meisten Tagfalter (nicht alle! Auch unter diesen gibt es vom Segler über Flatterer bis zu Schwirrfliegern alle möglichen Varianten [definiert über die Flügelschlagfrequenz]!), daneben aber auch sehr viele Geometriden und auch in vielen anderen Familien; diese sind alle entweder tag- oder nachtaktiv oder fliegen sowohl-als auch. Natürlich muß die Physiologie eines Schwirrfliegers anders sein als die eines Flatterers, denn dafür müssen die Muskeln viel mehr Kraft aufwenden (und Energie verbrauchen, die zuvor bereitgestellt werden muß). Für die meisten Schwirrflieger gilt: tropische Arten können gleich starten (bei über 30° Außentemperatur!), aber Arten in kalten Biotopen zittern sich erst warm, ehe sie abheben können — die Muskulatur muß erst auf „Betriebstemperatur“ hochgeheizt werden, ehe sie die gewünschte Schlagfrequenz erreichen kann, vorher sind nur kurze „Fluchtsprünge“ möglich, kein Schwirrflug.

3) Und dann der ganze Riesenkomplex der Lichtattraktion für nachtaktive Arten. Au weia. Also zuerst mal die überall in Lehrbüchern in mehr oder weniger dogmatischer Art und Weise verkündete Lehrmeinung (die „Lichtquellen-winkelorientierte Theorie“, oder wie man sie nennt, je nach Autor), die noch aus der Zeit stammt (das haben wir in den frühen 1970er Jahren an der Uni schon so beigebracht bekommen!), als man eine einfache mechanistische, monokausale Erklärung für alles gesucht hat (in Anführungsstrichen, auch wenn ich das nicht wörtlich, nur sinngemäß zitiere; kritische Würdigung dahinter, mit Hinweisen meinerhalber in []): „Falter fliegen hoch in der Luft“ [gemeint ist damit über der Vegetation, insbesondere den Baumkronen] „und orientieren sich dabei am Licht des Mondes oder hellerer Sterne. Fliegt man in einem konstanten Winkel zu dieser einen Lichtquelle, dann fliegt man geradeaus, weil die Lichtquelle unendlich weit weg ist.“ [Soweit ist das reine Optik und Winkelmechanik und absolut korrekt.] „Kommt man aber zu einer künstlichen Lichtquelle (Straßenlaterne etc.), so ist diese sehr nah, und wenn man weiterhin in konstantem Winkel dazu fliegt, ergibt sich automatisch eine Spirale;“ [ich sehe da irreguläre Kreise, keine Spiralen! Aber sei’s drum] „der Falter umkreist in immer enger werdenden Ringen die Lampe und knallt schließlich dran.“ — Soweit die reine Theorie. Rein von der Denklogik her ist das schon gut argumentiert; aber die Voraussetzungen für diese Theorie lassen zu wünschen übrig! Es mag tatsächlich so sein, daß echte Langstreckenflieger (Wanderfalter!) gelegentlich tatsächlich mal in so eine Falle tappen, das möchte ich nicht ausschließen. Aber wer sich mit dem tatsächlichen Verhalten nachtaktiver Lepidoptera beschäftigt (nämlich bei jahrzehntelanger Lichtfangerfahrung, bevorzugt in buschigen oder bewaldeten Gebieten! Und dabei nicht nur ins Licht starrt, sondern auch die Umgebung beobachtet, gelegentlich mit der Taschenlampe), wird schnell feststellen, daß die überwiegende Mehrzahl sowohl der Arten wie der jeweiligen Individuen überhaupt kein Interesse an Langstrecken-Geradeausflügen oberhalb der Baumkronen hat. Ein Nachtfalter fliegt (meist überwiegend bis ganz immer!) im Nahbereich; beide Geschlechter vieler Arten suchen nach Nektarquellen zur Nahrungsaufnahme; ein Männchen ist auf der Suche nach Weibchen, ein Weibchen nach geeigneten Stellen zur Eiablage; all diese Suchflüge finden in der Regel nicht im „Langstrecken-Geradeaus-Modus“ statt, sondern in eher langsamem, tändelndem Flug, im Zickzack und mit vielen Kurven und Wendungen, rein chemisch orientiert (Blüten- oder anderer Nahrungsduft, Weibchenpheromon, Futterpflanzendüfte und was der chemischen Reize mehr sind!); die Augen werden in erster Linie benutzt, um im Wald, im Unterholz, im Buschwerk, auf der Wiese und so weiter nicht ständig an Zweige, Äste, Stämme, andere Hindernisse zu knallen. Der meiste Teil des Falterlebens ist kein Geradeaus-Langstreckenflug oberhalb der Baumkronen! Das machen nur wenige Arten, und auch diese nur zu geringen Anteilen ihrer individuellen Lebenszeit. Das Mond- und Sternenlicht fällt auch teilweise durchs Laubdach eines Waldes, wird dabei aber wie verrückt gestreut und reflektiert und kommt im Endeffekt quasi „aus allen Richtungen“; da die Orientierung nicht für einen gestreckten Geradeausflug benötigt wird, sondern im Nahbereich, nämlich um Hindernissen ausweichen zu können, ist das kein Problem. Also zusammenfassend: Die Lehrbuchtheorie, die an jeder Uni jedem Bio-Studenten so beigebracht wird, ist also zwar nicht direkt falsch, aber beschreibt nur einen einzigen kleinen Aspekt aller nachtaktiver Falterarten, der sicher nur in ganz wenigen Fällen ausschlaggebend sein dürfte (etwa wenn in einem EM-Fußballstadion schon 24 Stunden vor dem Spiel wegen Terrorgefahr das Flutlicht angeschaltet wird oder so ... ;) ). — Was aber lockt nun die Falter wirklich zum Licht? Nachtaktive Insekten haben, ähnlich wie Säugetiere, einen oder mehrere Mechanismen, mit den gigantischen Helligkeitsunterschieden fertigzuwerden, die zwischen hellem Sonnentag und mondloser dunkler Wolkennacht existieren. Die einzelnen Ocellen des Facettenauges können zwar nicht verengt werden, aber es gibt Pigmente im Kristalkörper, die tagsüber nach oben wandern und nachts wieder herunter zur Basis. Einfallendes Licht kann tagsüber jeweils nur eine Sehzelle an der einzelnen Rhabdomerbasis treffen, nachts streut es wesentlich breiter und trifft auch Nachbarzellen. Kurzum, ein Falter, der tagsüber in der Sonne kein Problem hat, kann nachts, wenn er voll dunkeladaptiert ist, sehr wohl durch eine helle, künstliche (= unnatürliche!) Lichtquelle geblendet werden. Und das Phänomen kennen sogar wir Menschen: Wenn man voll dunkeladaptiert ist, und auf einmal kommt ein helles Licht immer näher, sehen wir außer diesem Licht nicht anderes mehr, weil wir geblendet sind und nicht so schnell (vor allen Dingen bei einer oder wenigen hellen Punktlichtquellen — Beispiel nachts auf der unbeleuchteten Landstraße ein entgegenkommendes Auto mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern; am besten dazu dann noch Regen und beginnender Grauer Star im Auge des Fahrers ...) wieder auf Helladaptation umschalten können. Wir können (zu Fuß!) am Rand der Blendung stehenbleiben und uns entscheiden, hellzuadaptieren und zum Licht zu gehen, oder uns umdrehen und dunkeladaptiert zu bleiben; ein fliegendes Tier ist so schnell, daß es dem Licht zu schnell näher kommt, so daß es wegen der Blendung fast sofort nicht mehr ins Dunkle ausweichen kann (außer gleich zu Anfang!). Was bleibt ihm also übrig, als das einzige anzufliegen, das es noch sehen kann, nämlich direkt die Lichtquelle? Ist es erst mal nah an der Lichtquelle, schaltet das Auge automatisch physiologisch auf Helladaptation um, um der blendenden Lichtflut Herr zu werden; die Folge ist dann, daß das Insekt nicht mehr ins Dunkle ausweichen kann, weil es dort fast gar nichts sehen kann. Somit sammeln sich immer mehr geblendete Tiere am Licht. Dort werden sie helladaptiert, weswegen sie nicht mehr wegfliegen können (sie sehen ja nichts mehr außerhalb des hellen Lichtscheins!). Schaltet mal die Lichtquelle also nicht rechtzeitig noch im Lauf der Dunkelheit [Stunden vor der Dämmerung!] wieder ab (wodurch viele Falter wieder dunkeladaptieren und dann wegfliegen können!), so bleiben sie im Lichtschein sitzen und werden früh morgens von den Vögeln weggefressen (die lieben Vögelein, die in Beleuchtungsnähe wohnen, kommen sowieso schon morgens viel früher raus zum Frühstück, sie tanzen schon an den beleuchteten Wänden oder unter den Laternen, wenn es auf der [unbeleuchteten!] Wiese oder gar im [unbeleuchteten!] Wald noch gar nicht wirklich hell genug ist, nur um ein gutes Frühstück mitzubekommen!). Der Frühstückstisch ist an Beleuchtungen in Naturbiotopnähe für Vögel stets gut gedeckt, und dabei stellen sich sofort „Staubsaugereffekte“ ein: alljährlich, allmonatlich, allnächtlich werden große Zahlen von Faltern angelockt, bleiben sitzen und werden frühmorgens gleich gefressen. Darunter leiden sowohl generell die Populationsgrößen wie [bei selteneren Arten] die Artenzahlen einer größeren Umgebung!

Ich höre hier auf, dieses sind sehr tiefe Themenfelder! Bitte selber nachlesen und dabei das kritische Gehirn einschalten, um die Lehrbuchmeinungen und die eigenen Beobachtungen entsprechend würdigen und interpretieren zu können. (Und nix für ungut ... ;) )

Wolfgang

Beiträge zu diesem Thema

Stoffwechsel von Nachtfalter vs. Tagfalter
Gaaaanz großes, tiefes Faß aufgemacht!
Re: großes Faß?
riesiges Faß
Noch Fragen/Antworten?
Bravo Wolfgang ! hochkonzentrierte verständliche Info ! ein Gruss dem Meister .. *kein Text*
Lehrreich und informativ, besser kann man das nicht erklären, danke Wolfgang *kein Text*
Re: Gaaaanz großes, tiefes Faß aufgemacht!
Re: Siehe auch Punkt 3.3. in den FAQ, bitte Admins auch dort verlinken. VG. *kein Text*
Ist gemacht! Finde die prägnante Erläuterung auch sehr gelungen, Danke! VG Elias *kein Text*