Polyommatus coridon
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Raupenfunde und Larvalhabitat von Polyommatus thersites *Foto*

Hallo Forum,
kurz vor dem Kaltlufteinbruch war es gestern Vormittag noch trocken und mit 11°C relativ mild. Ausreichende Bedingungen, um im (württembergischen) Heckengäu nach Polyommatus thersites-Raupen zu suchen. Mit rund 25 bekannten Lokalpopulationen hält sich die Metapopulation dieser Gegend auf halbwegs stabilem Niveau, wenngleich mehrere Habitate im Randbereich des Areals seit einigen Jahren "verwaist" sind.

Bei den meisten Habitaten handelt es sich um mehr oder weniger kleine "Flecken" innerhalb beweideter Kalkmagerrasen mit Esparsettenbewuchs. Daneben werden auch mäßig trockene Salbei-Glatthaferwiesen besiedelt, die 2-3mal jährlich gemäht und selten mit Festmist gedüngt werden. Letzterer Habitattyp nimmt jedoch ab. Entweder, weil die Magerwiesen mit Gülle oder Biogas-Gärrückständen aufgedüngt und intensiviert werden. Oder aber, weil die Mahd steiler und zu kleiner Parzellen aufgegeben wird und die Flächen stattdessen beweidet werden. Ersteres ist für P. thersites mit dem Verlust des Lebensraums verbunden. Beweidung wird im Heckengäu jedoch - entgegen einiger anderslautender Angaben - zumeist gut vertragen, solange sie ohne Düngung und nicht öfter als 2-3mal pro Jahr erfolgt.

Momentan, also noch vor dem Aufblühen der Raupenwirtspflanze, sehen beweidete P. thersites-Habitate recht eintönig aus:

Bilddaten: Habitat von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Aidlingen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 23.04.2016 (Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Die Fläche ist leicht südexponiert, jedoch nicht extrem trocken. Bei 16 eigenen Kontrollen seit 1997 wurde P. thersites hier jedes Mal nachgewiesen. Der (floristisch) relativ artenarme Magerrasen wird in den meisten Jahren zweimal beweidet, wobei der erste Auftrieb in der Regel mitten in die Flugzeit der 1. P. thersites-Generation fällt (Mitte Mai-Mitte Juni). Fatal? Vielleicht für weiträumig isolierte Kolonien der Art, nicht aber für Vorkommen (wie dieses), die in ein (noch) engmaschiges Habitatnetz eingebunden sind.

Die Raupenwirtspflanze Onobrychis viciifolia agg. beginnt gerade damit, noch grüne Blütenknospen zu schieben. Eine erste frische P. thersites-Fraßspur fand sich gestern hier:

Bilddaten: Larvalhabitat von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Aidlingen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 23.04.2016 (Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Bilddaten: Fraßbild von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Aidlingen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 23.04.2016 (Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Derart "klassisch", von oben abgeschabte Fiederblättchen sind ein nahezu untrügliches Zeichen für die Anwesenheit einer P. thersites-Raupe (Ausnahme s. unten). Ein weiteres frisches Fraßbild aus 2009:

Bilddaten: Fraßbild von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Weil der Stadt-Schafhausen, beweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 460 m, 23.04.2016 (Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Wenn das Fraßbild altert, nekrotisieren die Blattreste. Die Endodermis der Fiederblättchen wird braun:

Bilddaten: Älteres Jungraupen-Fraßbild von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Aidlingen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 23.04.2016 (Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Eher unauffällig ist der Fraß an sehr jungen, noch nicht voll entfalteten Onobrychis-Blättern:

Bilddaten: Raupen-Fraßbild von Polyommatus thersites an jungem Onobrychis-Blatt, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Aidlingen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 23.04.2016 (Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Die Raupen sind im Nahbereich frischer Fraßspuren nicht schwer zu finden. Wie bei den meisten Bläulingsarten signalisieren Ameisen ihren Aufenthaltsort; entweder an der Pflanze selbst (beim Fressen) oder in der darunter befindlichen Moos-/Streuschicht. Zunächst eine gestern gefundene, kaum halbwüchsige L4:

Bilddaten: L4 von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Aidlingen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 23.04.2016 (leicht manipuliertes Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Bei feuchter Witterung sind die Raupen oft etwas mit Lehm verkrustet, weil sie von ihrer Ameisengarde in den Ruhephasen gerne mit Lehmkrümeln "eingepackt" werden. Manchmal tragen sie deshalb sogar - vorübergehend - einen regelrechten "Lehmpanzer":

Bilddaten: L4 von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Aidlingen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 12.04.2008 (leicht manipuliertes Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Die ausgewachsene L5 ist etwas dunkler mit gelblicher Seitenlinie. Gesicherte morphologische Unterscheidungsmerkmale zu P. icarus sind mir allerdings keine bekannt:

Bilddaten: L5 von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Aidlingen-Deufringen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 28.03.2011 (leicht manipuliertes Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Bilddaten: L5 von Polyommatus thersites, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Weil der Stadt-Schafhausen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 16.04.2009 (leicht manipuliertes Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Berechtigte Frage: Sind das auch wirklich P. thersites-Raupen? Vor 20 Jahren hätte ich darauf ohne Zögern mit "ja" geantwortet. Doch leider fand ich ein einziges Mal eine sichere P. icarus-Raupe an Esparsette, die ebenfalls Schabefraß an den Fiederblättern erzeugt hatte (Art-Absicherung durch Zucht bis Imago). Um in Zweifelsfällen rasch Klarheit zu bekommen, greift man zu folgendem Trick: Man setzt eine an Esparsette gefundene, nicht in Häutungsruhe befindliche Raupe ein paar Stunden lang mit einem frischen Hornklee-Blatttrieb in ein Schnappdeckelgläschen. Befrisst sie diesen, so handelt es sich um die krasse (?) Ausnahme, nämlich um P. icarus. Rührt sie den Hornkleetrieb dagegen nicht an und zeigt stattdessen unruhiges Suchverhalten, um nach neuerlichem Kontakt mit Onobrychis wieder zu fressen, so hat man zweifellos den spezialisierten Esparsettenfresser P. thersites vor sich.

Wenn man keine Lust oder Genehmigung dazu hat, fragliche Falter einer Genitaluntersuchung zu unterziehen, gibt es auch zur Flugzeit eine alternative Möglichkeit, P. thersites in vermuteten Vorkommensgebieten nachzuweisen. Nämlich die Suche nach Eiern der 1. Generation in bis dato weder gemähten noch beweideten Blühbeständen der Wirtspflanze. Man sucht dazu die Onobrychis-Blütenstängel ab. Eiablagen daran konnte ich bei P. icarus niemals beobachten, regelmäßig jedoch bei P. thersites (die allerdings auch in der 1. Gen. nicht ausschließlich am Stängel ablegt, sondern ebenso an Blättern und - selten - Blütenknospen; siehe auch zur Aufnahme in die Bestimmungshilfe vorgeschlagen).

Bilddaten: Ei von Polyommatus thersites an Onobrychis-Blütenstängel, Deutschland, Baden-Württemberg, Obere Gäue ("Heckengäu"), Umgebung Weil der Stadt-Schafhausen, schafbeweideter Kalk-Halbtrockenrasen auf Oberem Muschelkalk, 450 m, 22.05.2014 (leicht manipuliertes Freilandfoto: Gabriel Hermann).

Stängelblatt- oder Stängel-Ablagen, wie die oben abgebildete, finde ich im Heckengäu und mittleren Albvorland in allen mir bekannten P. thersites-Habitaten, wenn ich im Mai oder Juni gezielt danach suche. Suchtests in Esparsette-Beständen ohne P. thersites-Vorkommen (aber mit P. icarus) brachten dagegen nie Funde solcher Stängel-Ablagen.

Vorsicht ist dagegen im Sommer geboten. Sommerliche Eiablagen an nachtreibende Blättchen zuvor gemähter oder abgeweideter Esparsetten kommen nämlich bei P. thersites und P. icarus gleichermaßen vor (eigene Beobachtungen). Eifunde an Esparsette eignen sich deshalb nicht in jedem Fall für die Artdiagnose. Entscheidend sind Jahreszeit/Generation und das Ablagemedium.

Schönen Sonntag und viele Grüße
Gabriel

Beiträge zu diesem Thema

Raupenfunde und Larvalhabitat von Polyommatus thersites *Foto* Bestimmungshilfe
Danke für den interessanten Beitrag Gabriel! VG Olli *kein Text*
fantastische Dokumentation, danke! und LG Florian *kein Text*
Danke, Olli und Florian, für eure Feedbacks! LG Gabriel *kein Text*